2. Verfügbarkeit / Kill Switch
Das zweite Standbein der digitalen Souveränität ist die Verfügbarkeit. Sie beantwortet die Frage: Haben wir im Ernstfall jederzeit Zugriff auf unsere Systeme oder kann ein externer Anbieter uns aussperren?
Die Gefahr ist real. Das sogenannte Kill-Switch-Szenario bedeutet, dass ein Anbieter per Knopfdruck den Zugang entzieht. Das kann technische Gründe haben, etwa eine Sicherheitslücke oder eine Vertragsverletzung. Es kann aber auch politische Ursachen haben: Eine Executive Order aus Washington reicht aus, um Unternehmen ausserhalb der USA von bestimmten Diensten auszuschliessen.
Ein Beispiel sind die Russland-Sanktionen: Nach dem Angriff auf die Ukraine haben grosse US-Techkonzerne wie Microsoft, Amazon und Apple ihre Dienste in Russland eingestellt oder stark eingeschränkt. Firmen und Organisationen in Russland hatten von einem Tag auf den anderen keinen Zugang mehr zu wichtigen Cloud-Diensten, Softwarelizenzen oder Updates – ein faktischer Kill Switch.
Stellen Sie sich vor, die komplette Kollaboration Ihres Unternehmens läuft über eine einzige Cloud-Plattform. Wenn der Anbieter entscheidet, Sie aus politischen oder kommerziellen Gründen zu blockieren, sind alle Dokumente, E-Mails und Chats mit einem Schlag unerreichbar. Auch der Versuch, über Support oder rechtliche Schritte gegenzusteuern, braucht Zeit – Zeit, die in einer akuten Krisensituation nicht vorhanden ist.
Dieses Risiko betrifft nicht nur Grosskonzerne. Auch kleine und mittlere Unternehmen, die ihre IT vollständig in die Hände eines internationalen Providers legen, sind abhängig vom Goodwill dieses Anbieters. Wer keinen Plan B hat, riskiert im Ernstfall einen kompletten Stillstand.
Digitale Souveränität bedeutet, sich gegen diese Abhängigkeit zu wappnen: durch dezentrale Lösungen, Backups und klare Exit-Strategien.


